Hartnäckig hielt sich in Meiningen die Legende, dass die Ursache des Brandes des Hoftheaters1908 nie richtig ermittelt wurde, Tatsächlich geben Protokolle aus den Tagen vor 92 Jahren deutlich Auskunft.
An jenem Tage hatte der Hoftheaterintendant Otto Osmarr zwischen 10.00 und 12.00 Uhr mit einigen Gehilfen auf der Bühne eine Dekorationsprobe zu der Neuinszenierung von “Stille Sieger” abgehalten. Etwa um 12.00 Uhr verließ er dan als Letzter sein Büro und das Theater. Eine Viertelstunder zuvor war der Hilfsheizer Rudolf Graf durch das Hauptportal aus dem Haus gegangen. Gegen 13.00 Uhr besuchte dann die Schauspielerin Else Hellmund die Theaterräume, um sie einem ihr befreundeten Ehepaar zu zeigen. Was ihr während des Rundgangs widerfuhr, hat sie tags darauf zu Protokoll gegeben: “Beim Austritt aus dem Konversationszimmer ... fiel mir ein scharfer m(eines) E(rachtens) spiritusähnlicher Geruch auf, der mich zu der Äußerung veranlaßte: Wie riecht es hier nach Spiritus. Als ich dann einige Schritte nach der Bühne zu hinaustrat, quoll aus der Öffnung der Jalousie der elektrischen Lichtanlage ein weißlicher Qualm heraus, beim Hinaustreten aus dem Bühnenraum fand ich diesen bereits mit einem Nebel bedeckt ... Ich bemerkte, daß ich mich zu dieser Zeit ganz alleine mit Freundin u(nd) deren Mann in den Räumen befand, ich versuchte, Menschen herbeizuholen, fand endlich forn im Foyer Frl. Kayser, die Tochter des Kastellans, die ich alsbald in den Zuschauerraum führte und von meinen Wahrnehmungen in Kenntnis setzte. Fräulein Kayser äußerte etwa: Es brennt wahrscheinlich am elektr(ischen) Apparat, wir müssen Schlesinger rufen.”
Kastellan alarmiert
Während die Schauspielerin zum Oberbeleuchter Leopold Schlensinger lief, der im “Alten Fritz” in der Leipziger Straße logierte, hatte das allein gelassene Ehepaar im Foyer einen Klingelknopf entdeckt und bedient. Auf diese Zeichen hin kam der Kastellan Gottfried Kayser herbei, der noch an den Nachwirkungen einer Influenza litt und im Dienst von seiner Tochter vertreten wurde. Gemeinsam eilten Vater und Tochter, wie diese einvernehmlich erklärten, “nach dem hinteren Bühnenraum ... um nach- zusehen”. Man konnte “des dichten Qualms wegen nicht weiter als zur Damengarderobe vordringen. Den Ursprung des Qualms zu ermitteln, waren wir nicht mehr in der Lage. Ob es aus dem Bühnenraum, aus dem Raum der Zentralheizung für die Damengarderobe herausqualmte, konnte mit Sicherheit nicht mehr festgestellt werden, doch schien es mir so, als ob der Qualm die kleine Holztreppe heraufkäme, die hinunterführt zu dem Zentral - heizungsraum unter dem Bühnenschaltraum ... Wir gaben darauf Feuermeldung nach dem Rathaus.”
Elektrik in Ordnung
Inzwischen hatte Schlesinger das Theater erreicht, es durch den nördlichen Bühneneingang betreten und war in den unteren Souterreingang bis an die Tür zu einem Verschlag gelangt, hinter dem die Stearingkerzen aufbewahrt wurden. “Weiter konnte ich nicht vordringen,” hat er später erklärt. “Aus dieser Tür kam der Qualm kolossal heraus. Ich eilte nun die Treppe wieder hinauf nach meinem Regulierungsapparat (dem Hauptschaltraum der Bühne), ließ den Eisernen Vorhang herunter u(nd) schaltete die Beleuchtung für die Bühne u(nd) die Versenkung ein, alles funktionierte noch tadellos, auch brannte die elektr(ische) Beleuchtung noch gegen 15 Minuten lang, ein Zeichen, daß an der elektr(ischen) Leitung nichts in Unordnung war. Darauf schraubte ich an der dem Chronegkzimmer gegenüberliegenden Türe die Hydranten an, ließ das Wasser laufen, füllte einige Eimer, eilte mit ihnen ninunter u(nd) goß diese verschiedenen Eimer an die Türe des Lichterschranks. Die Flamme schlug bereits durch den Gang hinauf nach dem Bühnenraum”. Schlesinger rief den zufällig wegen des einsetzenden Schneesturmes beim Maschinenhaus untergetretenen Gartenarbeiter Johannes Wieber zu Hilfe. “Ich sprang hinüber nach dem Theater, holte von der Bühne ein paar Eimer Wasser, reichte sie dem Schlesinger unten in den Gang, der sie ausschüttete. Beim 3. Eimer konnte ich es aber vor Rauch schon nicht mehr aushalten.”
Angriff nur von außen
Auch der Brandmeister Elias Reß war mittlerweile durch die Polizeiwache in seiner Wohnung alarmiert worden. “Ich eilte sofort an Ort u(nd) Stelle über die Bühne zum nörd(lichen) Bühneneingang hinunter zum Souterrain, wo ich Schlesinger traf, der nach Wasser rief. Ich sah vor mir insbes(ondere) links im Gang bereits das helle Feuer in die Höhe gehen, weiter vorzudringen war wegen des Qualms nicht möglich. Es wurden von außen her die Schlauch- leitungen durch dritte hineingelegt u(nd) Wasser hineingegeben. Die auf der Bühne befind(lichen) Wasserzapfstellen waren wegen des Rauchs nicht mehr zu benutzen. Ich ließ Feueralarm schlagen und ordnete das weitere an. Ein Angriff auf das Feuer im Innern wurde zwar wiederholt versucht, mußte aber wegen der kolossalen Rauchentwicklung immer wieder aufgegeben werden. Im Wesentlichen mußte der Angriff von außen erfolgen. Nachdem der verantwortliche Brandmeister Reß sich auf seine Pflichten besonnen und die Feuerwehr endlich angerückt war und mit ihrer Arbeit begonnen hatte, habe er sich, “während des Löschens ... außerordentliche Mühe gegeben”, hat Schleinitz später anerkannt. Auch das wurde Georg mitgeteilt: “Die Feuerwehr war sehr gut.” “Als die Feuerwehr erst in der Arbeit war, war sie gut, sehr gut sogar u(nd) unerschrocken”, hat später Oberhofmarschall von Schleinitz geurteilt. An sämtliche in der Nähe des Theaters befindliche Hydranten wurden Schläuche angelegt. Es ist sehr viel Wasser verspritzt worden. “Die Umgebung des Theaters war ein Sumpf.” Mittels zweier - allerdings “sehr kleiner Spritzen” ist “Wasser aus dem Teiche” herausgeholt worden. Zwar konnte nun der Untergang des alten Hoftheaters nicht mehr verhindert, wohl aber die Bergung eines Großteils des beweglichen Inventars organisier werden. “Große brennende Kohlenstücke flogen ziemlich weit herum”. Schleinitz ließ sämtliche elektrischen Drähte zwischen dem Theater und dem Maschinenhaus, dem Großen Palais usw. durch- schneiden. Alle umliegenden Gebäuden wurden bespritzt, um das Über- greifen der Flammen zu verhindern.
Sehr viele Helfer
Während die Feuerwehr also nur die allzu rasche Verbreitung des Elements verhindern konnte, haben Schauspieler, Musiker, Arbeiter des Theaters, einige Hofbedienstete, Bankbeamte und sehr viele Soldaten aus der nahen Hauptkaserne mit großen Mut, Geschick und hoher Disziplin einen Großteil der Kostüme, Requisiten, Dekorationen, Teile des Mobiliars, der Instrumente, der Notenbibliothek sowie das Gronegkzimmer vor der Vernichtung bewahrt. “Zahlloses Militär” war zur Stelle “u(nd) half beim Retten, Abfassen, Weiterreichen der geborgenen Sachen.” Teilweise wurde die Garderobe zu den Fenstern hinausgeworfen. Es sind auch mehrere Ketten gebildet und die Gegenstände über eiserne Leitern oder aus den Türen weitergereicht worden. Letztendlich war ein ganzes Bataillon Militär unter dem Kommando seiner Offiziere in Aktion. Sie taten ihre Pflicht, in dem sie absperrten, die Wasserspritzen bedienten und retten. Die Nacht über war jeweils eine Kompanie in dreistündiger Ablösung zur Brandwache und Absperrung im Einsatz.
Kulturgut geborgen
Ein besonderes Kapitel bei den Rettungsaktionen ist die Bergung der sieben Bände Kostümzeichnungen Georgs gewesen, also jener Figurinen, die noch heute Hauptbeleg für des Herzogs Kunstleistungen und einer der wert- vollsten Bestände des Meininger Theatermuseums sein dürfen. Es ist - so haben alle Zeugen bestätigt - einzig und allein das Verdienst des Garderoben Inspektors Adolf Geißenhöner gewesen, daß dieses unschätzbare Kultur- gut geborgen wurde. Geißenhöner oblag es vor allem, nach Georgs Zeich- nungen die entsprechenden Kostüme in den Theater- werkstätten anfertigen zu lassen. Er wußte um den Wert dieser Bände, und er war es auch, der ihren Standort in den völlig verqualmten Theaterräumen genau kannte. An den Brandort geeilt, konzentrierte er all sein Sinnen und Trachten darauf, koste es, was es wolle, diesen Schatz zu bergen. Obgleich ihn Feuer- wehrleute und Offiziere mit Gewalt daran zu hinern suchten, drang er (wohl über eine eiserne Leiter von außen) in das Gebäude ein und holte die damals noch gebundene Figurinensammlung heraus. Noch mehrmals ist Geißenhöner dann mit den jungen Schauspielern Claudius, Spieß und Auzinger in das Theater gerannt, um Teile der Garderobe zu bergen. Schließlich ordnete Intendant Osmarr an, daß ihn sein “Sohn nach Hause führte”, denn er hatte sich erhebliche Verletzungen zugezogen. Kaum hatte die Rettungsaktion begonnen, so erschienen auch schon - wie durch ein Wunder - sieben Möbelwagen der Speditionsfirma Münch in der Nähe der Unglücksstelle. Sie nahmen die geborgenen Gegenstände auf. Diese wurden sofort abtransportiert: die Requisiten und Instrumente kamen in die Reit- bahn, die Bücher in die Schloßküche, die Kleider nach der Schloß - Waschanstalt in die Trockenstube (denn sie waren teilweise völlig durch- nässt). Die noch trockene Garderobe wurde auf dem Schloßboden und in die gegenüber dem Theater gelegene, damals leerstehende Wohnung des Hauptmanns Oppen gebracht. Der Inhalt des Gronegkzimmers ist im Gartensaal des Schlosses deponiert worden. Bis spät in die Nacht hinein wütete das Feuer. Schließlich fand es keine Nahrung mehr. Die abge- brannten Teile des Theaters, Schutt und Holz wurden während der folgenden Tage auf dem Exerzierplatz (neben der Reithalle) und zwischen Schützenhaus und Brauerei abgelegt.
Untersuchung am Abend
Noch am Abend begannen die Untersuchungen zwecks Feststellung der Brandursache. Karl Behlert wagte sich schon gegen 18.00 Uhr im letzten Tageslicht in die schon völlig ausgebrannten Teile des Theaters. Nachdem im Verlaufe des Nachmittags klar geworden war, daß das Feuer nicht in der Beleuchtungsanlage ausgebrochen war, konnte der Hofbaumeister noch am 5.März feststellen, daß auch die Feuerungsanlage für die Damengarderobe als Brandherd nicht in Frage kam. Die Tür des Ofens war verschlossen, das Termometer nicht intakt. Selbst die Reißigbesen standen unversehrt neben dem Feurloch in der Ecke. Der Hilfsheizer Graf war also in dieser Hinsicht von aller Schuld frei. Während der nächsten Tage konzentrierte sich infolgedessen die Aufmerksamkeit auf die schließlich als wahrscheinlichsten Brandherd ausgemachte Lichterkammer. Dabei handelte es sich um eine Nische mit einer verschließbaren Holztür im Keller in der nörlichen Seite des Theatergebäudes. In ihr wurden Sterinkerzen sowie deren abgebrannte Stümpfe aufbewahrt. Darüber hinaus lagen dort auch noch einige kleinere Schachteln mit Hartspiritus, den man gelegentlich auf der Bühne zur Erzielung bestimmter Effekte benötigte. Die Hersteller hatten auf der Verpackung allerdings vorsorglich vermerkt, daß mit diesem Spiritus äußerst vorsichtig umgegangen werden müsse, weil Verdampungsgefahr bestehe; gegenüber der Lichterkammer befand sich überdies noch eine ungeöffnete Kiste mit einem Zenter Sterinkerzen. Weil nahezu sämtliche Indizien daraufhin deuteten, daß der Brand an jener Stelle seinen Ursprung genommen hatte, ging man der Frage nach, wie die leicht entzündbaren Substanzen hatten Feuer fangen können. Um dem Herzog ein anschauliches Bild von der Sachlage zu geben, hat Schleinitz von der räumlichen Situation eine Skizze angefertigt. Eigentlich zog man drei Möglichkeiten für den Feuerausbruch an dieser Stelle in Betracht: Erstens, daß der Hartspiritus sich selbst entzündet habe. Man hielt das aber aus verschiedenen Gründen für wenig wahrscheinlich. Zweitens zog man in Erwägung, das Graf seine Handlaterne auf der Sterinkerze abgesetzt und sie später vergessen habe. Diese sei durchgebrannt und so habe sich das Sterin entzündet. Ähnliches soll früher schon einmal bei einem Tisch im Keller passiert sein. Doch es stellte sich im Verlauf der weiteren Nachforschungen heraus, das Graf´s Leuchter - sowie er es auch angegeben hatte - unversehrt gegenüber der Zentralheizung gefunden wurde.Auch die mit der Klärung des Falls beauftragte Meininger Staatsanwaltschaft, der dieser Leuchter als Beweisstück übergeben wurden war, gab ihn als ungeeignetes Indiz an die Hofverwaltung zurück. Somit war Graf auch in diesen Punkten entlastet.